Typisch Thymian! Thyme in your garden
Quentin Seddon, ein philosophisch wie journalistisch interessierter Landwirt aus Südengland, hat vor einigen Jahren ein kurzweiliges Büchlein über Thymian verfaßt, "A brief history of Thyme" (Hodder & Stoughton, 1994, ISBN 0340617713).
Im Englischen läßt sich mit 'thyme' und 'time' vortrefflich spielen. Nicht nur wer Wortspiele mag, sollte sich vom fremdsprachigen Text nicht abhalten lassen. Zu lesenswert sind die zusammengetragenen Anekdoten, Beobachtungen und Recherchen vom vorchristlichen Botanisieren (Ancient Thymes) über Hahnemann's Homöopathie bis hin zum Spott über den fehlgeschlagenen Versuch, Thymian-Öl biotechnologisch im Labor zu erzeugen (Modern Thymes).
Und dann noch dies: Wußten Sie, daß ehedem eine der weltweit! umfangreichsten Sammlungen von Thymian-Arten in Ostberlin beheimatet war? Laut Seddon ging sie nach der Maueröffnung gen Westen. Aber wohin? Wer hier weiterhelfen kann, verdient sich nicht nur den Dank meiner Nase ...
Viele Nasen und Gaumen geraten in Verzückung, wenn ein leichtes Reiben der kleinen, teils nadeligen, teils weichen Blättchen aufregende Kompositionen ätherischer Öle freisetzt.
Ein 'Kontaktdufter' ist Thymian, zumindest bei uns im Norden. An heißen, windstillen Tagen, kann sich das harzig-süße Öl aber auch ganz von allein auf den Weg in die Nasen machen. In aller Natürlichkeit heißen die Adressaten solcher Duftpost aber Biene, Hummel oder Falter.
Neben den 'gewöhnlichen' Arten Thymus vulgare, pulegioides und serpyllum, haben es mir besonders deren sog. 'sports' und auch die Hybriden, in der 'freien Natur' entstandene Arten-Kreuzungen angetan.
Von aufmerksamen Schnüfflern am Wegrand (oder im Sichtungsbeet) entdeckt, treibt der Paarungswille von Thymianen selten schöne Blüten.
Thymus serpyllum 'Russetings', z.B.ist eine üppig und früh, dunkelrosa blühende Auslese des flachen Sand-Quendels. Der Küchenthymian 'Porlock' vereint aufrechten Wuchs mit kräftigem Aroma und bester Winterhärte. Und für feurige Küchenmeister empfehle ich Thymus (x)montanus, den Pfeffer-Quendel, vermutlich eine Kreuzung aus Th. pulegioides und Th. vulgare: mit etwa 30 cm mittelhoch wachsend, rundlaubig, nicht allzu blühfreudig, aber scharf wie die Pizza, auf die er gehört: Diavolo!
Ganz das Gegenteil, mit weichem, seifigem Parfum, Thymus thracicus in der Duftnote 'Lavender'."Lavendel-Thymian" ist ein zwiespältiger Name für ein Kraut - aber er weckt sehr wohl Neugier. Das langsam wachsende Sträuchlein mutet an wie eine Bonsai-Konifere, die zweite Sorte dieser Art heißt dann auch 'Pine Wood', zu deutsch "Pinienduft- Thymian" und verströmt kamphrig-herben Duft. Der Tee lindert Husten.
Bleiben wir in der Küche. In der spanischen Sierra de Carzorla wächst Mastico-Thymian, mit 60-90 cm Höhe sicher ein Gigant seiner Gattung. Gigantisch ist aber vor allem sein Aroma. Süß-würzig wie kein zweiter, verströmt Thymus mastichianus wilde Schönheit. Das schlichteste Rezept, sie kulinarisch einzufangen, lautet: Butter erhitzen, Thymus hinzugeben, sogleich Weißbrot in dieser heißen Kräuterbutter wenden und als Vorspeise mit frischen Tomaten servieren!
Wilde Schönheit in Kultur zu nehmen, ist auch in diesem Fall kein Leichtes. Erst wenige Stecklinge haben sich zu kräftigen Pflanzen vermehren lassen. Nasse Winterkälte und vor allem Lichtarmut führen unweigerlich zu starkem Mehltau. Ausfälle in der Kultur waren bei uns zunächst häufig. Die zuletzt hellen und milden Winter wiegen uns jeoch in guter Hoffnung ...
Wie auch im Falle des fruchtig frischen Kugelthymians. Für das langsam wachsende Kräutlein haben wir inzwischen wohl den rechten Platz gefunden. Es darf im Topf ohne Regen-Nässe durch den Winter, im Beet steht's auf einem Ziegelmäuerchen auf viel Schotter mit Kalk in der vollen Sonne.
In Küche und Kräutergarten darf auch Kümmelthymian nicht fehlen. Thymus herba barona mit kleinen, spitzzulaufenden, ledrig-dunkelgrünen (und meist wintergrünen) Blättchen, die beim Zerreiben über Bratkartoffeln, z.B. verblüffend starkes Kümmelaroma freisetzen. Und eine Unterart gibt's , Thymus h.b. ssp citriodora, bei der sich zu hellerem, fast nadeligen, im Winter abfallendem Laub eine fruchtige Duftnote gesellt. Letztere wächst dichter, sieht aber über Winter nicht sehr appetitlich aus. Beide brauchen Reisgschutz - und guten Wasserabzug sowieso, in sehr kalten und windigen Gegenden sind sie besser am Fenster im Schuppen aufgehoben. Beide Kräutlein blühen lila-rosa, bei der Art kontratiert die Blüte stärker mit dem dunklen Laub.
Sie gesellen sich gerne zu kalkliebenden Steingartenpflanzen in voller Sonne. "Kümmel&Zitrone" macht dichte Matten, die gelegentliches Begehen, Beliegen oder Besitzen nicht sonderlich krumm nehmen.
Was von einem Duftrasen, einer Duftbank oder einer aromatischen Fugenbepflanzung schließlich erwartet wird. Während halbschattige Plätze von Polster-Kamille, Polei und Korsischer Minze bevorzugt werden, wachsen in voller Sonne neben kriechendem Bohnenkraut, Rosmarin, Rauten und Oregano vielerlei flache Thymiane zu dichten Matten heran. Und beleben Pflasterflächen und Trockenmauern, vor allem in der Nähe von Türen, Toren und Terassen, eben da, wo reger Fußverkehr herrscht, dessen streifende Berührung Duftwolken entläßt.
Wichtiges Detail: Die mechanische Belastung, also das schiere Gewicht von Tante, Onkel und Nachbarskindern, die alle mal "Nur kurz!" auf dem Duftkissen sitzen oder laufen möchten, sollte auf solideren Materialien ruhen, v.a. wenn Sie häufigere Nutzung erwarten. Leiten Sie die Gewichtslast also auf geschickt verlegte Steine, Platten oder Hölzer, in deren Zwischenräume sie die Rasenstauden pflanzen. Nach kurzer Zeit überdeckt duftendes Grün das tragende Gerüst und sie haben einen Duftrasen, den kein Schild 'Betreten verboten' ziert.
Dann laden auch Ungarischer und Goldteppich-Thymian zum Verweilen ein, ja sogar zartere Geschöpfe wie Perückenthymian vielleicht lassen Ihr Haar herab ...
An dieser Stelle wäre noch von einem glücklichen Fund auf der letzten Englandreise zu berichten.
Am vielleicht neunten Tag, nach vielleicht neunzehn Gärten und Gärtnereien führte unser Weg in eine kleine, 'Church Hill Cottage' genannte Nursery. Zwischen vielen Raritäten, die trotz hochsommerlicher Sortiments-lücken die Staudengärtner begeisterten, fanden sich einige Exemplare eines üppig wachsenden und sich flach ausbreitenden Thymians. Ich begrüßte ihn als Thymus longicaulis mit einer lässig schnuppernden Geste - und hielt plötzlich inne. Der Kaskadenthymian daheim zeichnete sich zwar durch sehr starken, "ellenlang" überhängenden Wuchs und üppige Blüte aus, besaß aber leider kaum (oder genauer: kein) Aroma.
Dieser hier verströmte würzigen Thymian-Duft in den Sonntag Nachmittag - offensichtlich ohne andere Qualitäten eingebüßt zu haben. Da war er: Thymus longicaulis odoratus.
Und beide machen keinen Thymian-Teppich, nein, hier sollte von einem Thymian-Läufer die Rede sein ... Wonderful! Haben sich die unendlichen Strapazen einer Gartenreise in's südliche England doch wieder mal gelohnt!